Demmin

8. Mai Demmin:
Die never ending story seit 1945

Seit 2006 marschieren Neonazis unter Führung der NPD am 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Faschismus, durch Demmin in Mecklenburg-Vorpommern. Seit über zehn Jahren verunglimpfen sie mit ihrem Fackelmarsch die Befreier*innen, Verhöhnen die Opfer des Nationalsozialismus und verdrehen und leugnen die Geschichte. Dabei hat die bürgerliche Presse die Vorlage für das Gebaren der Neonazis gegeben. Immer wieder wurden in regionalen und bundesweiten Medien Artikel über angebliche Gräueltaten der Roten Armee und einen daraus folgenden „Massensuizid“ der Demminer*innen veröffentlicht. Diese Veröffentlichungen halten neueren Untersuchungen nicht stand. Die Märchen basieren auf mündlicher Überlieferung und einer einzigen historischen Arbeit, die nachweislich falsche Todeszahlen nennt. Keine der Veröffentlichungen stellte bisher den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und die durch Propaganda bedingte deutsche Massenpsychose in einen Zusammenhang mit den Suizidzahlen zum Kriegsende in Demmin. Und so fiel es den Neonazis jahrelang leicht, ihr Schauspiel zu inszenieren.
Anfangs fand der Marsch kaum Widerspruch. In einer gespenstischen Atmosphäre zogen hunderte Neonazis im Fackelschein durch die Kleinstadt. Die einzige Antwort des Bürgermeisters war seinerzeit der Aufruf, Türen und Fenster zu schließen und die Neonazis zu ignorieren. Nur verschwanden sie nicht, sondern kamen Jahr für Jahr wieder.
Von Beginn an fanden sich dann einige Bürger*innen, antifaschistische Jugendliche und ein paar Antifas aus dem nahen Greifswald, die Protest am Rande der Strecke äußerten.
Ab 2011 nahm der Widerstand gegen den rechten Marsch dann deutlich fahrt auf. Seitdem findet jährlich ein Befreiungsfest des bürgerlichen Bündnisses Demmin Nazifrei am Hafen, der Abwurfstelle des Neonaziskranzes, statt. Zudem organisiert das Bündnis rund um den 8. Mai stets ein informatives Programm und arbeitet mit dem Regionalmuseum zusammen. Dieses Museum leistete in den vergangenen Jahren einen großen Beitrag zur Aufklärung und Richtigstellung der Vorgänge zum Kriegsende in Demmin. Darüber hinaus klärte es auch über ein Demminer NS-Zwangsarbeiterlager auf. Die Stadt änderte 2011 gezwungenermaßen ihre Politik und zeigt seit dem, wenn auch verhalten und schwerfällig, Flagge gegen die Neonazis.
Neben der nachhaltigen Arbeit von Demmin Nazifrei und dem Regionalmuseum, hat vor allem die seit 2011 stattfindende landesweite Antifamobilisierung einen massiven Schub bewirkt.
Das landesweite Antifa-Bündniss „Nicht lang fackeln!“ hat in mehreren Folgejahren große Blockaden mit hunderten Menschen in Demmin organisiert. Ohne massive Polizeigewalt hätte der Marsch schon längst nicht mehr stattfinden können. In 2015 erreichte die antifaschistische Mobilisierung ihren Höhepunkt. Fast 1000 Menschen beteiligten sich an den Protesten in der Kleinstadt. Massenblockaden mit bis zu 600 Teilnehmenden hielten den Marsch mehrfach auf. Die Polizei verletzte Menschen schwer und trat die Pressefreiheit mit Füßen.
Die Neonazis ärgern sich stets über die antifaschistischen Aktionen. Während sie in den Anfangsjahren noch in aller Ruhe ihre Show abziehen konnten, werden sie mittlerweile permanent gestört. Der „Trauermarsch“ wurde schon mit kiloweise Konfetti beschossen, anreisende Neonazis erfuhren antifaschistische Aktionen, die Route wurde mit Kuhmist zugekippt, die Kranzniederlegung wurde durch Feuerwerk gestört, der Kranz selbst von Antifa-Schwimmer*innen aus der Peene gefischt und verbrannt und Gummipuppen wurden den Fluss hinunter getrieben. Der Verdruss unter den Neonazis ist deutlich wahrnehmbar. Die Teilnehmerzahl sank über die Jahre. Auf Antifa-Seite hat sich seit 2018 ein Kurswechsel eingestellt. Während in den Vorjahren teilweise erfolgreich versucht wurde den Marsch zu blockieren, ist man mittlerweile dazu übergegangen den feierlichen Charakter des 8. Mai in Demmin stärker heraus zu stellen. Mit der großen Feierei entlang der Aufzugstrecke, wurde der von den Neonazis erhoffte Charakter des Marsches wieder stark gestört. Zudem gaben die Antifas dem 8. Mai den feierlichen Rahmen zurück, der dem Tag gebührt.
Der 8. Mai in Demmin hat sich über die letzten elf Jahre zum festen Termin für Antifaschist*innen in Mecklenburg-Vorpommern entwickelt. Vermutlich werden auch in den kommenden Jahren wieder Aktionen gegen den Marsch stattfinden. Langen Atem haben alle Beteiligten mittlerweile zur Genüge bewiesen. Bis die Neonazis ihren „Trauermarsch“ aufgeben, wird die Puste wohl noch anhalten. Mehr als ein Jahrzehnt antifaschistischer Widerstand in Demmin ist auf jeden Fall aller Ehren wert und ein weiterer guter Grund zu feiern!